Litauische Familiennamen

Litauische Familiennamen (1)

In Büchern oder Schallplatten über Ostpreußen fallen die vielen Namen wie Kaliweit, Kumpies, Urbschat, Luttkus, Kalludrigkeit u.a., besonders auf, die für Personen jeden Ranges und Standes verwandt werden. Viele halten sie für die ältesten, bodenständigen und häufigsten ostpreußischen Familiennamen. Das ist falsch.

Die ältesten Namen in Ostpreußen sind prußischen (altpreußischen) Ursprungs und die Zahl der deutschen Familiennamen ist viel größer als die der hauptsächlich nach dem 15. Jahrhundert Zugewanderten nichtdeutscher Herkunft.

Vom Ende der Jungsteinzeit ab bewohnten baltische Völker das Gebiet von Ostpommern bis zur Düna und von der Ostsee bis zur Dubissa. Sie gehören wie die ihnen benachbarten Germanen und Slawen zur indogermanischen Völkerfamilie, Um das Jahr 1000 v. Chr. können wir in kultureller und sprachlicher Hinsicht deutlich eine ostbaltische Gruppe (Litauer, Letten und Kuren) von einer westbaltischen (Prußen) unterscheiden. Die Abweichungen vergrößerten sich in sprachlicher Hinsicht im Laufe der Jahrhunderte so sehr, daß die in Ostpreußen siedelnden Litauer sich schon vor 100 Jahren mit den Memelländern nur mühsam und mit den Großlitauern gar nicht verständigen konnten. Im 20. Jahrhundert konnte in Nordostpreußen ohnehin praktisch niemand litauisch sprechen.

Als der Deutsche Orden 1231 mit der Eroberung und Christianisierung des Preußenlandes begann, reichte das Siedlungsgebiet der Prußen von der unteren Weichsel im Osten bis zum Memelland im Norden und nach Osten und Süden weit über die Grenzen des Deutschen Reiches von 1871 hinaus etwa bis zur Linie Kauen (Kowno) – Grodno – Bialystok – Pultusk. In diesem Raum lebten damals weder Litauer noch Slawen, sondern nur Prußen. Sie dürften das einzige europäische Volk sein, das über Jahrtausende unvermischt in seiner Urheimat seßhaft blieb. Das Land war damals nur dünn besiedelt. Deutsche und polnische Wissenschaftler haben unabhängig voneinander Wahrscheinlichkeitsrechnungen angestellt und für das Gebiet der späteren Provinz Ostpreussen 170 000 prußische Bewohner ermittelt. In den mehr als 50 Jahre dauernden Kämpfen sind viele Prußen und Deutsche wie auch andere Europäer gefallen. In der Masse blieb das prußische Volk aber erhalten. Die Behauptung, der Orden habe die eingeborene Bevölkerung ausgerottet, ist eine Propagandalüge, die von verschiedenen Seiten gepflegt wird. Die Ritter dachten nicht einmal an eine Ausrottung der Bevölkerung , weil sie auf deren Arbeitskräfte weder zum Bau der Burgen und Städte noch zur Bestellung des Landes verzichten konnten, Um 1400, also rund 120 Jahre nach Beginn des systematischen deutschen Besiedlung lebten im preußischen Ordensland etwa 140 000 Prußen und 190 000 Deutsche.

In den folgenden Jahrhunderten gingen die Prußen im Deutschtum als der kulturell überlegenen Schicht auf. Auch die prußische Sprache erlosch bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Trotzdem sind viele prußische Familiennamen wie Perkuhn, Willun, Kadgien, Legion, Dargel, Dargus, Gause und Perbandt, Bronsart, Tolk und Gettkant erhalten geblieben. Auch der letzte Oberbefehlshaber der „Armee Ostpreußen“, von Saucken, ist prußischer Herkunft, der Name des bekannten Heerführers von Manstein wahrscheinlich auch (Manstyn, Manstyne). Der Linguist Mechew hat nachgewiesen, daß mindestens 2 000 lebende deutsche Familiennamen aus prußischen Orts- und Eigennamen erklärt werden können und dazu bemerkt, daß völlige Sicherheit „gerade in Ostpreußen, dem namensmäßig am stärksten durchmischten Gebiet Deutschlands, nicht immer gegeben ist.“ Die intensiv betriebene und erfolgreiche westdeutsche Namensforschung hat sich mit den ostpreußischen Gegebenheiten kaum beschäftigt. So wird in einem sonst ausgezeichneten Namenbuch nur mit wenigen Zeilen darauf hingewiesen, daß in West- und Ostpreußen „entsprechend seiner Besiedelung vom westfäl.-ndd. Raum her vorwiegend deutsche Namen auf(treten): vom Land her (??? der Verf.) und dem angrenzenden Litauen sind dann viele undeutsche Namensformen zugeströmt, kenntlich schon an den Endungen at(is), ait(is), auch u(h)n, ies o.ä. Daher Adomeit, Albat, Jankuhn, Steppuhn, Jogschies usw.“ Das ist nur teilweise richtig. Die Endung auf u(h)n ist typisch für prußische und nicht für litauische Namen. Den Namen Albat gibt es zwar in Ostpreußen, er läßt sich aber aus dem Litauischen überhaupt nicht erklären. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich sogar um einen nichtbaltischen Wortstamm.

Die Litauer, das sei hier nachgeholt, kamen erst seit Ende des 15. Jahrhunderts in den menschenarmen, aber fruchtbaren Nordosten des Ordensgebietes, weil sich ihre wirtschaftlichen und soziale Lage im Großherzogtum Litauen ständig verschlechterte. Betrachtet man die Namen der litauischen Siedler, so findet man besonders häufig die vorgenannten Endungen. Sie bezeichnen die Abkunft, der Stamm aber kann deutsch, prußisch oder litauisch sein. Ein Beispielt in der Zeit der Einnamigkeit war der Taufname Adam bei allen christlichen Völkern weit verbreitet. Im Deutschen blieb er unverändert, in Skandinavien hieß er Adamson, in Friesland Adamsen und in Litauen Adomas. Dessen Sohn, und das ist eine Besonderheit der litauischen Namensgebung, der kleine Adomas, hieß Adomatis oder Adomaitis, dessen Sohn sogar Adomatukas. Die Frau des Adomas hieß Adomiens oder Adormatcze (atsche), und die des Adomaitis Adomatiene, deren Tochter Adomatyte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erfolgte eine zunehmende Eindeutschung der litauischen Namen die weiblichen Formen wurden überhaupt nicht mehr gebraucht, bei den männlichen fielen die Endungen fort oder wurden verkürzt.

Obwohl die Litauer das Christentum erst sehr spät angenommen haben, erfreuten sich christlich-kirchliche Namen bei ihnen großer Beliebtheit. Da ein besonderes Charakteristikum der litauischen Sprache die Austauschbarkeit von Konsonanten und Vokalen ist, ließen sich von einem Taufnamen zahlreiche Ableitungen vornehmen, so etwa von Ambrosius – Ambr/-as, -aszas, -aszus, -oszus, -osejus, – oscha-tis. Die mit Tom-, Tum oder Tam- gebildeten Namen bedeuten allesamt Thomas, die mit Jan- oder Jon- beginnenden sind Ableitungen von Johannes. Andreas erscheint im Litauischen als Endris, Endresas, Endraitis, Endreatis, Endrissat(is), Jakob als Jokubeit oder Jokubat, Josef als Josupeit, Krischan oder Christian als Kryszonat, Lorenz als Lorenczat, Stephan als Steponat, Wilhelm als Willumeit, Bartholomäus als Bertulat, Paul als Paulat und Matthias als Matzeit.

Im Laufe der Zeit wurden auch deutsche Vornamen als Vor- aber auch als Familiennamen übernommen. Da der litauischen Sprache die Buchstaben h und f fehlen, wurde aus Hans – Ansas, aus Fritz – Pritzkus, aus Friedrich – Pridiks, aus Franz – Pranzkos. An diese Wortstämme wurden, wie oben gezeigt, die unterschiedlichsten Endungen angehängt. Auch deutsche Eigennamen wie Borchert, Hensel, Busse, Bart wurden durch Anhängen der Silben -eit, -is und -us litauisiert. Besonders oft geschah das mit deutschen Berufsnamen, deren deutscher Ursprung unverkennbar ist; Bäckeries, Schustereit, Schneidereit, Schulmeistrat.

Wie bei uns gibt es auch bei den Litauern Namen aus dem Tier- und Pflanzenbereich; Gaidies = der Halm, Meschkat = der Bär, Skaliks = der Jagdhund, auch der Hundeführer oder –Züchter. Auf körperliche oder seelische Eigenschaften deuten Namen hin wie Dwilat = der Rothaarige, Jodgalweit = der Schwarzhaarige oder Schwelnus = der Sanfte. – Herkunftsnamen wie Kurschat = der von den Kuren, Pruszeit, Prussak = der von den Preußen und Szameitat = der von den Szameiten (den Niederlitauern) Stammende sind selten, Wohnstättennamen gibt es fast gar nicht.

Eigentümlich sind die litauischen Familiennamen Skirat, Preukschat und Szentis. Der erste bezeichnet den Sohn eines Geschiedenen, der zweite den Ehemann einer Witwe und der dritte einen Schwiegersohn. Sie treten häufig auch als zweiter Bestandteil eines Namens auf und bezeichnen das Verwandtschaftsverhältnis. So gehören z.B. Kalweszents oder Kalwepreugsch zu Kalwies, Kurschentis und Kurpreugsch zu Kurschat.

Die Betonung der litauischen Familiennamen erfolgt nach anderen Gesetzen als bei uns. Die 1. Silbe wird bei allen dreisilbigen Namen betont, bei den zweisilbigen nur dann, wenn sie auf -äs, -is oder -us enden. In allen Namen, die auf -at, -ies, -ys und meist auch auf -eit enden, wird die zweite Silbe betont. Das tut hier im Westen aber fast niemand und dem passen sich viele Träger litauischer Namen bereits an. Dessen bedürfte es jedoch nicht, denn ihrer Gesinnung nach waren und sind sie genauso deutsch wie die Nachkomnen aller Bevölkerungsgruppen, die durch Versippung und gemeinsame Geschichte zum Neustamm der Ostpreußen zusammengewachsen sind.

 


(1)Autor: © 2007 Dr. Erwin Krause, http://www.tilsit-ragnit.de/kreisgemeinschaft/fachbegriffe3.html
   Quelle: „Memel-Echo“ – Mitteilungsblatt des Freundeskreises Memelland/Litauen Raisdorf e.V.“ Nr. 44/2007

 

 

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