Nadrauen – eine Landschaft Ostpreußens

Nadrauen in Frühzeit und Mittelalter [1]

Unser Vorfahre Kristups Radzuwaitis wurde vermutlich um 1750 im Landkreis Nadrauen in Ostpreußen geboren und verstarb 1807 in Alischken (später: Walddorf) im Kirchspiel Saalau. Der Name der nächstgrößeren Stadt –Insterburg- verweist auf den Fluss Inster (Instrut) und die heidnische Burg Unsatrapis (prußisch unzei: an, auf, über; lit. trapte: Floß), vermutlich an einer hölzernen Brücke gelegen.

Die schmale Inster kommt träge aus ihrem breiten Bett von der Quelle in den Wiesen bei Jägerswalde (Girrelischken) nahe am Willuhner See, schlängelt sich durch eine sumpfige Gegend und vereinigt sich bei der Burg mit der Angerapp (Angrapa), die dem Mauersee in Masuren entsprungen, bereits 170 km unterwegs ist, zum Pregel, der 120 km später bei Königsberg (Kaliningrad) in das Frische Haff der Ostsee mündet.

Um 500 v. Chr.: Da wo es fließt

Frühe Bewohner bezeichneten die von dichten Urwäldern und Sümpfen geprägte Landschaft in ihrer Sprache „na-drawa“: da wo es fließt, und gaben damit der Region und den dortigen Siedlern ihren Namen: Nadrauen (Nadra) bzw. die Nadrauer.

Die Nadrauer gehörten zu den Prußen, einem baltischen Stamm, der seit dem fünften Jahrhundert vor Christus Geburt an der Ostsee zwischen Memel und Weichsel siedelte. Rund 200.000 Prußen wohnten um 1200 nach Christus weit verstreut in kleinen Dörfern mit reetgedeckten Holzhäusern, etwa vier bis fünf Bewohner pro Quadratkilometer. Sie waren sehr rege und fleißig, groß und gut gewachsen, mit blauen Augen, frischem Gesicht und langen blonden Haaren, züchteten Bienen und Pferde, fingen Bären, handelten mit Fellen, Leder, Fisch, Honig, Bernstein und Sklaven und kauften Edelmetalle, Schmuck, Waffen, Tuche und Salz [2].

Um 1200 n. Chr.: Der Deutsche Orden

Und sie waren sehr wehrhaft. Vom elften bis zum Anfang des zwölften Jahrhunderts verhinderten sie zahlreiche Versuche polnischer Herrscher, ihr Land zu besetzen und sich einen Ostsee-Zugang zu verschaffen. Ihre grenzüberschreitende Gegenwehr veranlasste Herzog Konrad von Masowien 1209, den Deutschen Orden um die Sicherung seiner polnischen Nordgrenze zu den Prußen zu bitten. Dafür sollte der 1199 aus einem Spital Bremer und Lübecker Kaufleute während des Dritten Kreuzzuges im Heiligen Land hervorgegangene Ritterorden Landrechte an den Gebieten erhalten, die er von den Prußen eroberte. Bemäntelt wurde dieses Anliegen als christliche Mission im Heidenland.

Aktiv wurden die Ritter aber erst, nachdem sie 1226 von Kaiser Friedrich II. in der Goldbulle von Rimini mit der „Heidenmission im Prußenland“ beauftragt und ihnen territoriale Ansprüche bestätigt wurden: 1230 wurde dem Orden im Vertrag von Kruschwitz das Kulmerland, das südprußische Gebiet an der Weichsel, „auf ewige Zeit“ überlassen. Mit diesem Vertrag sah sich der Orden nicht nur zur Grenzsicherung und Eroberung, sondern sogar zur Bildung eines eigenen Herrschaftsgebietes, des Deutschordensstaates, auf dem auch Preußen genannten prußischen Boden legitimiert.

1231 überschritt der erste Landmeister Hermann von Balk mit sieben Rittern und 700 Mann die Weichsel und errichtete im Kulmerland die erste Burg: Thorn. Hier begann der Orden den Kriegszug gegen die Prußen. Da er als „Heidenmission“ zugleich deren Christianisierung verfolgte, wurde den Ordenskriegern eine umfassende Vergebung aller Sünden gewährt.

Über 50 Jahre brauchten sie zur Unterwerfung der Prußen und hinterließen an der östlichen Grenze ihres Herrschaftsgebietes in den schon vorher unwegsamen Regionen Nadrauen und Masuren nunmehr eine unbesiedelte Landschaft, die Große Wildnis. Das rund 60.000 qkm große Gebiet bestand aus offenen Flächen, Sümpfen, Flüssen und einem ausgedehnten Urwald mit Waldkiefern, Eichen und Heidekräutern, durch die Wildschweine, Rothirsche, Rehe, europäische Wildpferde, Elche, Auerochsen, Wisente, Wölfe, Braunbären, Nordluchse und auch Vielfraße zogen – aber kaum noch Menschen.

Im 13. Jhd.: Die Eroberung Nadrauens

Nadrauen wurde erst 1276 erobert, viele Einwohner flohen nach Litauen. Die Ritter zerstörten die Burg Unsatrapis und errichteten 1336 die Feste Instierburg. Sie wurde 1376 von den Litauern zerstört, wieder hergestellt, 1457 gebrandschatzt, diesmal von den Polen, und erneut vom Orden aufgebaut. Später entstanden die Burgen in Georgenburg und Saalau. Die Übernahme prußischer Burgen und der Neubau eigener Festungen entsprachen der Ordensstrategie, sichere Räume zur Unterbringung von rund 2.000 Mann sowie deren Versorgung für eine zweijährige Belagerung zu schaffen. In den Vorburgen, den Lischken, siedelten sie Handwerker, Gewerbetreibende und Bauern an und forcierten so die Bildung neuer Städte, die später nur noch von Deutschen bewohnt werden durften. So dürfte auch das Dorf Alischken entstanden und benannt worden sein.

Preußisch-Litauen in der Neuzeit

Anfang des 15. Jahrhunderts begann der Niedergang des Deutschordensstaates. Nach hundertjährigem Streit mit dem polnischen König und litauischen Großfürsten kam es 1410 zur Schlacht bei Tannenberg. Mit seiner Niederlage verlor der Deutsche Orden die Legitimation der Heidenmission und der Landansprüche im Großfürstentum Litauen. In dem 1422 am Melnosee geschlossenen Friedensvertrag wurde die Grenze des östlichen Preußens festgelegt; sie bestand rund 500 Jahre.

15. / 16. Jhd.: Preußischer Bund und Dreizehnjähriger Krieg

Auch im Inneren zerbrach der Staat. Der Orden versuchte, die hohen Kriegsentschädigungen über Steuererhöhungen zu kompensieren. Dagegen verbündeten sich Städte und Landadel 1440 im Preußischen Bund und kündigten 1454 den Treueeid. Der folgende Dreizehnjährige Krieg führte 1466 zur Teilung des Ordensstaates und in die Abhängigkeit von Polen. Westpreußen und Ermland wurden als Königliches Preußen der polnischen Krone direkt, das östliche Preußen der Lehnshoheit unterstellt.

Der Versuch, sich hieraus im Reiterkrieg von 1519 bis 1521 zu lösen, war erfolglos. 1525 unterstellte sich Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach als letzter Hochmeister des Ordens im Vertrag von Krakau lehnsrechtlich dem polnischen König Sigismund, trat zum Protestantismus über, säkularisierte auf Anraten Martin Luthers das Ordensland zum erblichen Herzogtum Preußen und wurde darin der erste Herzog.

Herzogtum Preußen

Infolge der Kriegshandlungen war der Norden des preußischen Herzogtums bis auf einige Siedlungen verheert und unbewohnt. Nach der Vertragsschließung am Melnosee 1422 begannen die Prußen, die Wildnis in Nadrauen neu zu besiedeln. Ab Ende des Dreizehnjährigen Krieges 1466 folgten protestantische Flüchtlinge aus Samogitien und Litauen und mischten sich mit Nadrauern, auch kamen nach Litauen geflohene Prußen zurück. Um 1550 endete die Zuwanderung – von den neuen Landverleihungen sind über 1.050 belegt, nur eine ging an einen Deutschen.

Herzogliches Preußen um 1570

Landverleihungen und Privatbesitzungen wurden seit 1525 in einem Hauptbuch des Hauptamtes der Ordensburg geführt. „Die Regierung Herzog Albrechts und seiner Nachfolger zog aus diesen Veräußerungen ihre ersten und bedeutendsten Einkünfte. Jede derselben brachte ihr eine für jene Zeit ansehnliche Anzahlung ein; dann wurde das Restkaufgeld in Raten getilgt, daneben kam ein jährlicher Hufenzins ein.

Die Hufe war ein Maß für bäuerliches Land mit der Fläche, die von einem Hüfner bewirtschaftet werden konnte und für die Ernährung einer Familie ausreicht. Diese war je nach Erträgen und Bodenqualität unterschiedlich groß: in Brandenburg etwa 30 große Morgen, in Preußen 66 preußische Morgen, das sind etwa 16,5 Hektar bzw. 1,65 qkm. Für eine Hufe wurden bis 1611 in der Regel 50 Mark gezahlt und 1622 bereits 150 Mark [3].

Preußisch-Litauen

Siedler brachten Geld ein, auch im Nordosten des Herzogtums Preußen. Die Mischbevölkerung in Nadrauen – darunter etwa 20.000 bis 30.000 litauische Siedler – bildete an der Grenze zum katholischen Großfürstentum Litauen den davon unabhängigen eigenen Siedlungsraum Preußisch-Litauen. Hier wurde ein dem Prußischen naher Dialekt gepflegt und entstanden, von der protestantischen Kirche und dem preußischen Staat gefördert, die erste litauische Schriftsprache, Grammatik, Bibel, Zeitung und das erste Wörterbuch der litauischen Standardsprache [4].

Anfang des 16. Jahrhunderts besiedelten Litauer die Wildnis in der Umgebung der Insterburg. Der neue Ort erhielt 1541 das Marktrecht und 1583 wurde der Marktflecken Inster zur Stadt erhoben. Immer wieder gab es massive Rückschläge. 1590 verbrannten 140 der 149 Häuser. Im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 erschwerten durchziehende Kriegstruppen das Leben und die Entwicklung in der Stadt. 1709 herrschte ein Jahrtausendwinter. Durch die zugefrorene Ostsee und die ausgefrorene Saat entstand große Hungersnot. Viele aßen Sägemehl, Brennnessel, Baumrinde und erkrankten schwer.

Es kam noch schlimmer: Die Pest wurde eingeschleppt. Rund 160.000 der etwa 300.000 Einwohner in Preußisch-Litauen, vorwiegend Litauer, starben – schneller, als man sie begraben konnte. Allein im Amt Insterburg zählte man 4.620 Pestopfer. Dazu kam 1711 eine Pockenseuche. In den Kirchspielen Puschdorf, Norkitten und Insterburg starben 1709 – 1711 mehr als die Hälfte der Bewohner. Überlebende waren ruiniert oder verschwunden, Tausende Höfe verlassen, Handel und Gewerbe eingestellt. Preußens wirtschaftliche Existenz war bedroht.

17. Jhd.: Rétablissement und Repeuplierung

1618 erbten die Kurfürsten von Brandenburg das Herzogtum und lösten es 1657 im Vertrag von Wehlau aus der polnischen Lehnschaft. Friedrich III. krönte sich 1701 als Friedrich I. zum König in Preußen und begann 1710 den Wiederaufbau des Totenlandes, das Rétablissement. 1713 wurden zwei Fünftel der verlassenen Höfe wieder von Einheimischen und litauischen Einwanderern bewirtschaftet. Durch die weitere Besiedlung mit zehntausenden Salzburger Protestanten, Pfälzern, Nassauern und Schweizern, die Repeuplierung, wuchs die Bevölkerung in 30 Jahren um 160.000 auf rund 600.000 Einwohner.

Wiederaufbau und Wiederansiedlung wurden durch die Errichtung einer effizienten Verwaltungsstruktur begleitet, die auch die Domänen verwaltete, zu denen damals 3.200 Dörfer zählten, weitere 900 gehörten dem Adel. Dazu wurden elf neue Städte gegründet, rund 1.500 Volksschulen eröffnet und ein ausgefeilteres Steuersystem eingerichtet, das nicht nur die Fläche, sondern auch die Qualität des Bodens berücksichtigte. Zudem wurde der Besitz exakt vermessen.

In der Folge zog der Fiskus erheblichen bis dahin zu Unrecht angeeigneten Besitz ein, 587.800 Hektar wurden zusätzlich der Steuer unterworfen. Mit der Festlegung von Bodenklassen führte Friedrich Wilhelm I. eine einheitliche Grundsteuer ein, den Generalhufenschoß, der auch für den Adel galt und diesen weitaus mehr belastete als die nun eher entlasteten Besitzer mittlerer oder kleinerer Flächen. Seine Höhe bestimmte eine Kommission nach Prüfung der Wirtschaftslage des Besitzes [5].

18. Jhd.: Departements in Königsburg und Gumbinnen

Auch aus fiskalischen Gründen wurde das Gebiet im Königreich 1722 in zwei Departements gegliedert und darin die „Deutsche Domänenkammer zu Königsberg“ und die „Littauische Domänenkammer zu Gumbinnen“ eingerichtet. Beide wurden einem Generaldirektorium in Berlin direkt unterstellt und in Kreise geteilt: Domänenämter, Adelsgüter und Mediatstädte, die einem durch Geburts- oder Lehnsrecht bestimmten Landesherrn unterstanden, gehörten zu ländrätlichen Kreisen und die direkt der Krone unterstellten Immediatstädte mit eigener Justiz- und Kameralverwaltung zu steuerrätlichen Kreisen. Bei seinem Tod hinterließ Friedrich Wilhelm I. 1740 ein wirtschaftlich und finanziell stabiles Reich.

Sein Sohn, Friedrich II. von Preußen, auch „Friedrich der Große“ oder „der Alte Fritz“ genannt, setzte den Verwaltungsausbau fort, führte eine Generalschulpflicht ein, schaffte die Folter ab, verminderte die Zensur, begründete das Allgemeine preußische Landrecht und gewann durch Gewährung der Glaubensfreiheit weitere Siedler. Zudem baute er das Königreich Preußen in wechselvollen Kriegen zur europäischen Großmacht aus.

Zwischen 1740 und 1763 erwarb er Schlesien, verlor 1757 in der Schlacht von Groß Jägersdorf und Insterburg das östliche Preußen an Russland, erhielt es jedoch 1762 zurück. Er betrieb mit den Österreichern die Teilung Polens, bekam, nachdem 1764 ausländische Armeen im Zuge österreichischer Erbfolge-Kriege private Besitztümer im Süden Westpreußens geplündert hatten, 1772 das Ermland zurück und verfügte, Preußen und das Ermland nun mit Ostpreußen und das annektierte Polnisch-Preußen als Westpreußen zu bezeichnen. Beides gehörte nun zum multiethnischen Königreich: „Deutsche, eingewanderte Salzburger, Schweizer, Franzosen, und im nördlichen Teil ein kurischer Stamm. Alle diese hatten damals im Jahr 1796 noch jede ihre eigene Sprache und Sitten, verheirateten sich selten unter einander und lebten doch zufrieden unter einem Gesetz.“ [6].

Ostpreußen zum Beginn der Moderne

Mit dem Allgemeinen preußischen Landrecht von 1794 wurden die Nachnamen der Einwohner festgelegt und die Kirchen dazu angewiesen, Geburten zu verzeichnen und Register mit Heirats- und Sterbedaten zu führen.

Bis zum vierten Jahrhundert waren im germanischen Raum vorwiegend Rufnamen im Gebrauch, die sich aus zwei Teilen zusammensetzen, zum Beispiel Ger- (Speer) und -hart (streng). Ab dem siebten Jahrhundert gab es auch nichtgermanische wie die der Bibel entnommenen Rufnamen Daniel oder Christian. Im 15. Jahrhundert kamen antike Namen wie Claudius oder Julius auf und einige Hohenzollernfürsten komponierten dazu Doppelnamen wie Albrecht Achilles.

Durch die Zunahme der Bevölkerung wurde die eindeutige Identifizierung einer Person mittels eines einzigen Rufnamens schwieriger. Zur Unterscheidung fügte man Beinamen hinzu, ein persönliches Merkmal wie „der lange …“ oder eine Angabe zur Herkunft wie „der Insterburger …“ oder eine Bezeichnung des Berufs wie Wilhelm, „der Vermesser“. Damit behalf man sich, solange man sich untereinander kannte. Doch schon über eine Generation oder die Grenze eines Dorfes hinweg war keine Eindeutigkeit mehr gegeben. Dies war jedoch für Eintragungen des Landbesitzes oder Steuerzahlungen erforderlich.

18. Jhd.: Die Einführung von Familiennamen

Daher wurden – ab 1200 im Südwesten und danach weiter nördlich, anfangs bei Adligen, dann in Städten und bis Ende des 18. Jahrhunderts auf dem Land – Nach- bzw. Familiennamen eingeführt, die sowohl lebenslang getragen und vererbt als auch amtlich verbindlich wurden. Der Familienname entstand, wenn er über mehrere Generationen innerhalb einer Familie geführt wurde und auch bei Mitgliedern auftrat, auf die eines der ursprünglichen Merkmale nicht mehr zutraf.

Familiennamen waren in Preußisch-Litauen stark durch die baltische Sprachfamilie geprägt. Zwar wurde Prußisch seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr gesprochen, blieb aber in vielen Orts- und Familiennamen und im ostpreußischen Platt erhalten. Vor allem entstammten die Namensbildungen dem Litauischen, trotz der Assimilation an das Deutschtum unter anderem durch die bis 1800 in Ostpreußen forcierte Alphabetisierung – die baltische Herkunft war tief verwurzelt, eine deutsche Identität erst im Entstehen.


[1] Quelle:  https://www.stierle.com

[2] Quelle: ⤃ ostpreussen.net

[3] [Quelle: Horn, A. und P.: Urkunden zur Geschichte des ehemaligen Hauptamtes Insterburg, Commissionsverlag von Eugen Herbst, Insterburg 1895].

[4] Quelle:  Wikipedia

[5] Quelle: ⤃ ostpreussen.net

[6] Quelle: Ludwig Leopold Gottlieb Hermann von Boyen