NS-Opfer der Familie Dunklau

 

Zeitungsartikel in den Büsumer Nachrichten
„Der Marschbote“

Dienstag, 26. Juli 2011 | Von: Anja Petersen

Das falsche Erinnern

Gemeinde Norddeich gedenkt eines Gefallenen, der gar nicht an der Front war


Norddeich – „Zum Gedenken unserer Gefallenen in dankbarer Verehrung“: Dieser Satz ziert die Hauptstele des gepflegten Ehrenmals der Marschgemeinde Norddeich. In der Ortsmitte wird seit 1963 auf drei Tafeln an die in den zwei Weltkriegen gefallenen Einwohner erinnert. Darunter befindet sich auch August Dunklau, was Jahrzehnte später Florian Dunklau neugierig machte.

Der junge Mann aus Heide wollte mehr erfahren und begab sich in zahlreichen Archiven auf Spurensuche. Ein Jahr lang recherchierte der 27-Jährige und fand schließlich heraus: Der Onkel seiner aus Norddeich stammenden Großmutter war gar nicht an der Front ums Leben gekommen. Vielmehr hatte der ungelernte Landarbeiter den Kriegsdienst verweigert (über die Motive lässt sich nur spekulieren) und war deshalb im Strafgefängnis Neumünster inhaftiert worden.

„Die Angelegenheit war damals mit Fahnenflucht gleichgestellt. Schätzungsweise 30 000 Männer wurden deshalb zum Tode verurteilt. Wenn man so will, waren die Kriegsverweigerer die größte Widerstandsgruppe im Dritten Reich“, sagt Dunklau, der in Halle Jüdische Studien und Arabistik studiert. Er ist sicher: Sein Vorfahre wäre ebenfalls hingerichtet worden, wenn er nicht am 31. März 1944 an Magenkrebs in seiner Zelle gestorben wäre. Die entsprechenden Angaben fand Dunklau in einer Akte im Bundesarchiv in Freiburg, Abteilung Militärarchiv.

Dem jungen Familienvater missfällt vor diesem Hintergrund, dass der Name des Verweigerers auf einem Ehrenmal verewigt ist, das auch Mitläufer des Nazi-Regimes nenne. „Man müsste die Rolle von August Dunklau richtig stellen“, findet der Student. Er vermutet, dass die Gemeinde bei der Errichtung des Ehrenmals einfach die im Standesamt Wesselburen beurkundeten Sterbefälle durchging. Um die Stele nicht zu beschädigen, schlägt Dunklau vor, auf dem Bürgersteig vor dem Gelände einen Stolperstein zu verlegen (siehe Kasten). In der Regel werden Stolpersteine vor das letzte Wohnhaus der NS-Opfer gesetzt. „Aber das Elternhaus steht bereits seit den 1960er-Jahren nicht mehr. Heute ist dort nur ein Feldweg.“

Bei seinen Forschungen stieß Florian Dunklau noch auf einen jüngeren Bruder von August Dunklau, der ebenfalls für einen Stolperstein in Frage käme: Heinrich Dunklau. Er entwickelte offenbar im Laufe seiner Kindheit eine psychische Störung und verbrachte viele Jahre seine Lebens als Wanderarbeiter. Vermutlich weil er versäumte, sich ordnungsgemäß an- und abzumelden, wurde er 1940 wegen Landstreicherei verhaftet. Als Gefangener Nummer 33166 wurde er im Konzentrationslager Sachsenhausen registriert, wie im Archiv Sachsenhausen einer Signatur zu entnehmen ist. Als einer von 269 arbeitsunfähigen Häftlingen kam der Norddeicher am 5. Juni 1941 in die Vernichtungsanstalt Pirna-Sonnenstein, wo er kurze Zeit später mit Kohlenmonoxidgas ermordet wurde.

Florian Dunklau hat seine Forschungsergebnisse und die Stolperstein-Idee bereits der Gemeinde Norddeich sowie dem Arbeitskreis Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus in Dithmarschen mitgeteilt. Bisher erhielt er jedoch keine Antwort. Gegenüber unserer Zeitung zeigten sich aber sowohl Bürgermeister Ulf Jacobsen als auch Arbeitskreis-Mitglied Klaus Steinschulte aufgeschlossen gegenüber der Idee. „Ich habe Dunklaus Schreiben den Gemeindevertretern vorgelesen, und sie haben das zur Kenntnis genommen. Wir sind für alles offen“, sagt Jacobsen, der nun die weiteren Schritte des Studenten abwarten will. Der wiederum sieht seine Forschungen als Gelegenheit, „auch auf den Dörfern einmal darüber nachzudenken, an was man sich eigentlich heutzutage noch dankbar erinnern will, wenn man an den letzten großen Krieg und den Nationalsozialismus denkt“.

– Die Geschichte der beiden Dunklau-Brüder steht im Internet:

www.stolpersteine-fuer-norddeich.blogspot.com.

Über die Seite ist es möglich, mit Florian Dunklau Kontakt aufzunehmen.

 

Florian Dunklau am Ehrenmal:

Seine Ahnenforschung ergab, dass Urgroßonkel August nicht im Zweiten Weltkrieg gefallen, sondern wegen Verweigerung des Wehrdienstes nach 15 tägiger Haft gestorben ist. Der 27-Jährige schlägt deshalb vor, das Ehrenmal mit Hilfe eines Stolpersteins zu berichtigen.

Das Elternhaus der Brüder am Norderkirchweg. Heute lässt nur noch ein Hügel an dem Feldweg Richtung Wesselburen erahnen, dass hier bis vor 50 Jahren ein Haus stand.

 

Offizielle Übergabe einer Gedenkplatte

Am Sonntag, den 3. November 2013, fand um 11 Uhr, in Anwesenheit mehrere Mitglieder der Gemeindevertretung Norddeich, der Presse (Dithmarscher Landeszeitung) und von Angehörigen der Familie Dunklau die Übergabe der Gedenktafel im Rahmen einer kurzen Zeremonie am Ehrenmal statt.

Bürgermeister Ulf Jacobsen fasste den Entscheidungsprozess und die Hintergründe der Neugestaltung zusammen, während ich anschließend über einige historische und zeitgeschichtliche Aspekte sprach und die Bedeutung einer ausgewogenen und kritischen Gedenkkultur betonte, die neben dem Gedenken an die Kriegsopfer, nicht die verschiedenen Opfergruppen der nationalsozialistischen Verfolgung vergisst und die Erinnerung an die Hintergründe von Weltkrieg und Völkermord den Nachgeborenen vermittelt.

Zu danken ist der Gemeindevertretung Norddeich, dass sie dieses Anliegen erkannt und angemessen und würdevoll in Zusammenarbeit mit uns umgesetzt haben. Zu danken ist ferner Frau Lieselotte Stützer (Jahrgang 1920) aus Heide, für ihren Spendenbeitrag zur Aufstellung der Tafel und ihre moralischen Unterstützung.

 

Landarbeiter August Dunklau (1895-1944)
starb im Strafgefängnis an Magenkrebs.

Todesanzeige August Dunklau, Heider Anzeiger vom 4. April 1944

Todesanzeige von August Dunklau im „Heider Anzeiger“ vom 4. April 1944. Da es sich nicht um einen Kriegsgefallenen handelte (August Dunklau war hingegen „Wehrmachtsgefangener“ in U-haft wegen „Wehrdienstentziehung“), enthielt sie kein militärisches Symbol („Schwarzes Kreuz“). Die Hintergründe des Todes hatten die Angehörigen zu verschweigen. Eine Todesanzeige für den in Pirna-Sonnenstein ermordeten Bruder Heinrich Dunklau gab es nicht.

Der jüngere Bruder Heinrich Dunklau
(1900-1941) wurde vergast.